Site hosted by Angelfire.com: Build your free website today!

Nicotinpräparate und der Krebsverdacht

 

Einige Presseberichte der letzten Wochen unterstellen, dass zur Raucherentwöhnung eingesetztes Nicotin, krebserzeugend sei. Dies hätte eine Studie gezeigt, die Anfang Januar im Journal of Clinical Investigation (1) veröffentlicht wurde. Diese Aussage ist nach dem heutigen Stand der wissenschaftlichen Forschung nicht zutreffend. Wie in zahlreichen Tierstudien belegt (2) ist Nicotin nicht krebserzeugend. Darüber hinaus wurde die Sicherheit und Effektivität von Nicotinprodukten zur Raucherentwöhnung, wie z.B. Nicorette® Nicotinpflaster, Nicotin-Kaugummi, und Nicotin-Nasalspray, in zahlreichen klinischen Studien und durch Millionen von Anwendern weltweit gezeigt.

 

Was aber haben die Forscher um P.A. Dennis in ihrer sehr anspruchsvollen Grundlagenstudie herausgefunden? Normalerweise sterben Zellen, die durch mutagen wirkende (erbgutschädigende) Einflüsse, wie Tabakrauch oder auch UV-Licht, stark geschädigt wurden, durch einen zelleigenen Zerstörungsmechanismus (programmierter Zelltod = Apoptose) ab. Auf diese Weise können sich in ihrer Erbsubstanz geschädigte Zellen nicht weiter vermehren. Die mögliche Entstehung eines Tumors aus entarteten Zellen wird so bereits im Keim erstickt.

In vitro (d.h. im Zellkulturversuch) scheint Nicotin bei humanen Lungenepithelzellen, in diesen programmierten Zelltod einzugreifen, so dass nicht mehr alle geschädigten Zellen absterben. Folgendes wäre nun denkbar: Würden auf die überlebenden Zellen weiter tumorigene (krebsauslösende) Substanzen einwirken, wie sie im Tabakrauch zahlreich vorhanden sind, so könnten diese entarteten Zellen schließlich zu Tumorzellen werden. Diese Mutmaßung genügte einigen Presseorganen zu ihrer vorschnellen Verdächtigung des Nicotins beim Einsatz in der Raucherentwöhnung. Deshalb gilt es folgendes bedenken:

 

  1. Die Versuche an isolierten Zellen können nicht direkt auf den Menschen übertragen werden, so Neal L. Benowitz, Professor für Medizin, Psychiatrie und Pharmazie an der Universität von Kalifornien, San Fransisco. „Die Ergebnisse dieser Studie zeigen uns, wie verschiedene Chemikalien dazu beitragen könnten, dass sich ein Tumor entwickelt. Aber sie (die Ergebnisse) sollten nicht die Art und Weise verändern, wie Ärzte tabakabhängige Raucher behandeln.“
  2. Die Entstehung eines Tumors ist ein ‚multi-step’-Prozess, die Verhinderung der Apoptose letztlich nur einer von vielen.
  3. Dass Nicotin die Apoptose beeinflussen kann, ist seit nahezu 10 Jahren bekannt (3). Die Autoren der neuen Grundlagenstudie stellen nun einen möglichen Mechanismus vor: Demzufolge aktiviert Nicotin ein Schlüsselprotein (Akt-Kinase), welches Zellwachstum und – überleben reguliert.
  4. Die Untersuchung erbrachte auch folgendes: Zwar war der Effekt des Nicotins auf das Überleben der Zellen statistisch signifikant, quantitativ jedoch gering. Deshalb waren für die ‚in vitro’-Versuche Nicotinkonzentrationen nötig, die zwar als Spitzenwerte direkt nach dem Rauchen erreicht werden können. Bei der korrekten Anwendung von Nicotinpflastern oder –Kaugummis finden sich jedoch deutlich geringere Konzentrationen im Blut als bei Rauchern.

 

 

Ein direkter Zusammenhang zwischen der Gefahr einer Tumorentwicklung und der korrekten Anwendung von Nicotinprodukten kann folglich nicht hergestellt werden.

 

Experten auf dem Gebiet der Behandlung der Tabakabhängigkeit und des National Cancer Institute (NCI), USA, welches diese Studie unterstützt hat, sind sich daher einig: Wenn man ein Risiko annimmt durch die Anwendung von Nicotinprodukten Krebs zu bekommen, so ist es gegenüber dem Risiko, durch Rauchen an Krebs zu erkranken, verschwindend gering. Der Nutzen für die Gesundheit des Ex-Rauchers ist aber um ein Vielfaches größer (4, 5).

 

Eine Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass Nicotinersatztherapie die Erfolgschance von Rauchern dauerhaft ihre Abhängigkeit zu beenden, gegenüber einer Placeboanwendung oder keiner Behandlung, um 100% erhöht (6). Gesundheitsbehörden der USA sowie die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft empfehlen daher allen Rauchern ohne medizinische Kontraindikationen, Nicotinprodukte oder Bupropion zur Entwöhnung einzusetzen (7, 8).

 

 

1.      Kip A, Brognard J, Clark AS, Linnolia IR, Yang X, Swain, SM, Harris C, Belinsky S and Dennis PA. Rapid Akt activation by nicotine and a tobacco carcinogen modulates the phenotype of normal human airway epithelial cells.  J. Clin. Investigations.  Jan 2003, 3, 1: 81-90.

2.      US Department of Health and Human Services

3.      Maneckjee, R. and Minna, J.D. Opioids induce while nicotine suppresses apoptosis of human lung cancer cells. Cell Growth Differ. 1994; 5:1033-40

4.      Treatobacco.net.  Database and Educational Resource for Treatment of Tobacco Dependence: safety and toxicity of nicotine replacement medications,  January 2, 2003.

5.      NCI Statement on Nicotine Study in January Journal of Clinical Investigation, Posted: 08/01/2003, http://www.nci.nih.gov/cancerinfo/nicotinestudy).

6.      Silagy C et al. Nicotine replacement therapy for smoking cessation (Cochrane Review). In: The Cochrane Library 2000 and issue 3, 2001

7.      U.S. Public Health Service Report: A Clinical Practice Guideline  for Treating Tobacco Use and Dependence. JAMA 2000; 283:3244-54

8.      Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Empfehlungen zur Therapie der Tabakabhängigkeit. Arzneiverordnung in der Praxis, Sonderheft, 1. Auflage, Mai 2001.